Schärfe in der Fotografie einfach erklärt

In diesem Artikel geht es um die Schärfe in der Fotografie. Hat Scährfe mit Auflösung oder Kontrast zu tun?

Es ist wie bei einer Peperoni: Was der eine als scharf empfindet, findet der andere noch nicht scharf genug. Wie entsteht Schärfe in der Fotografie?

Schärfe Bildschärfe

Wenn es um Fotografie geht, bezieht sich “Schärfe” auf die allgemeine Klarheit eines Bildes in Bezug auf Fokus und Kontrast. Wenn das Motiv eines Bildes scharf ist, erscheint das Bild klar und naturgetreu, wobei Details, Kontrast und Textur sehr detailliert wiedergegeben werden. Daher spreche ich von Schärfeeindruck.

Bilder, denen es an Schärfe mangelt oder die “weich” sind, können verschwommen und detailarm erscheinen. Obwohl erfahrene Fotografen in der Lage sind, diesen Eindruck zu manipulieren. Der subjektive Eindruck ist extrem abhängig von der genauen Fokussierung auf das gewünschte Motiv. Das stellt besonders bei Aufnahmen mit geringer Schärfentiefe oder bei Aufnahmen in Situationen mit wenig Licht, die große Blenden erfordern, eine Herausforderung dar.

Dabei ist Schärfentiefe der Bereich um die Fokussierung herum, in dem sich die Schärfe ersteckt.

Wie man Schärfe erreicht

Glücklicherweise sind die meisten modernen Objektive zu einer unglaublichen Schärfe fähig, wenn man sie richtig einsetzt. Es gibt jedoch auch andere Faktoren, die eine Rolle spielen, selbst bei einem sehr hochwertigen Objektiv. Die Schärfentiefe zum Beispiel (oder deren Fehlen) kann dazu führen, dass ein Bild nur in einem Bereich scharf, in einem anderen aber unscharf ist.

Objektive mit einer Blende sind oft extrem scharf, wenn sie um einige Blendenstufen abgeblendet werden. Weiteres Abblenden als f/11 führt dagegen oft zu Beugungsunschärfe.

Bokeh nachts Unschärfe
Hintergrundunschärfe (Bokeh)

Fokus

Die Fokussierung des Objektivs ist eine Aufgabe für sich, wenn du ein möglichst gutes Ergebnis erzielen willst. Im Folgenden findest du Tipps, wie Sie eine bessere Fokussierung erreichen kannst.

Leider kommt es in vielen Fällen vor, dass ein Fotograf ein sehr scharfes Objektiv hat; aber aufgrund von Fokussierungsfehlern die Ergebnisse weich erscheinen. Wenn ein Fotograf sich auf den Autofokus verlässt, ist es am besten, den Autofokus routinemäßig zu testen. Am besten, indem er (von einem Stativ aus) Bilder von einem statischen Motiv aufnimmt und die Klarheit auf der Rückseite der Kamera oder am Computer überprüft.

Kamera

Obwohl man wenig Einfluss darauf hat, spielt die Auflösung des Kamerasensors auch eine Rolle. Ein Sensor mit höherer Auflösung (mehr Megapixel oder eine größere Filmfläche) ist in der Lage, insgesamt mehr Bilddetails zu liefern. Obwohl Megapixel selbst technisch gesehen nicht direkt mit der Schärfe korrelieren, können bestimmte Funktionen die Schärfe eines Sensors auf Pixelebene tatsächlich erhöhen.

Viele High-Megapixel-Kameras haben ihren Anti-Aliasing-Filter (AA-Filter) entfernt, der Bilder im Fokus ermöglicht, indem er die Eigenschaft des digitalen Sensors, die Pixel “leicht unscharf” zu machen, um unerwünschte Artefakte wie Moire zu vermeiden, weglässt. Außerdem bieten einige Kameras jetzt Pixel-Shifting-Funktionen, die es dem Sensor ermöglichen, seine Gesamtschärfe zu erhöhen, indem mehrere Bilder aufgenommen werden.

Stabilität

Was früher auf 35mm-Film als akzeptable Handaufnahmetechnik galt, wird auf einem heutigen Sensor wahrscheinlich zu einem Schärfeverlust führen.

Aus diesem Grund werden bei Aufnahmen aus der Hand kürzere Verschlusszeiten empfohlen. Und bei Aufnahmen von einem Stativ wird die Verwendung eines Fernauslösers, einer Belichtungsverzögerung, einer Spiegelvorauslösung oder eines elektronischen Verschlusses empfohlen. Stative sind immer noch der beste Garant, dass Bilder im Fokus sind. Außerdem lassen sich Verwacklungen einfach vermeiden.

Ändern der Schärfe

Die Technik, um den subjektiven Eindruck eines Fotos zu verändern, ist mehr als hundert Jahre alt. Mittels feiner Pinsel und spezieller Farbe haben die Altmeister die wichtigen Bilddetails (meist Augen und Konturen) zart nachgezeichnet. Diese Retusche war sogar so erfolgreich, dass man sie bis Ende des 20. Jahrhunderts nutzte.

Bilder, denen es an Konturen mangelt oder die “weich” sind, können verschwommen und detailarm erscheinen, obwohl erfahrene Fotografen in der Lage sind, diese zu manipulieren, um ein Gefühl von Wärme oder Bewegung in einem Bild zu erzeugen. Der Eindruck ist daher abhängig von der genauen Fokussierung auf das gewünschte Motiv, was besonders bei Aufnahmen mit geringer Schärfentiefe oder bei Aufnahmen in Situationen mit wenig Licht, die große Blenden erfordern, eine Herausforderung darstellt.

Schärfefilter in der Software zur Bildearbeitung können leichte Unschärfen scheinbar ausmerzen. Diese Filter sind aber mit großer Vorsicht zu benutzen und sollten immer die allerletzte Bearbeitungsmaßnahme an einem Bild sein. Beim Bearbeiten komprimierter JPG-Dateien treten Kompressionsartefakte schnell hässlich hervor. Auch Bildrauschen kann durch Bildbearbeitung verstärkt werden.

Nikon F5 Sucher
Nikon F5 Sucher

Daher sollte man grundsätzlich immer schon beim Fotografieren drauf achten, dass das Foto nahezu perfekt ist. Denn jede Form der nachträglichen Veränderung geht mit Qualitätseinbußen einher. Ob ein Bild im okus ist, lässt sich außerdem im Sucher der meisten Kameras ablesen. Bei einer grünen Anzeige ist das fokussierte Motiv scharf, ansonsten werden rote Pfeile angezeigt, die die Drehrichtung des Entfernungsringes weisen.

Brille

Wo bleibt die Unschärfe?

Unschärfe ist eine «Erfindung» der Fotografie

Dass Fotografen Unschärfe oft mit viel gestalterischem und technischem Aufwand zu verhindern suchen, ist verständlich. Denn letztlich gehört Unschärfe nicht zu unserer täglichen Erfahrungswelt. Sie ist ein exklusives Merkmal der Fotografie. Tatsache ist, dass wir rundum scharfe Bilder aufgrund der grösseren Übereinstimmung mit unseren Sehgewohnheiten als besonders natürlich empfinden. Scharfe, detailreiche Fotos geben die Wirklichkeit augenrichtig, d.h. realistisch wieder und vermitteln den Eindruck des Authentischen. Betrachten wir solche Bilder, so neigen wir dazu, das Gezeigte als «wahr» einzustufen. Ein Sachverhalt, der für die dokumentierende Fotografie grosse Bedeutung hat.

Erst die Schärfe macht hier das Objektiv zum «unbestechlichen Auge» der Kamera. Unschärfe irgendwelcher Art, und möge sie noch so kreativ daherkommen, ist bei dokumentierenden Presseaufnahmen meist ebenso unerwünscht wie bei Landschafts-, Architektur- und Sachaufnahmen. Logisch, dass man dazu neigt, alles zu tun, um jedes Bild mit maximaler Schärfe zu überziehen, auf dass es möglichst natürlich wirke. Wie das geht, lässt sich in jedem Fotobuch nachlesen:

Schärfentiefe durch Abblenden vergrössern, exakt fokussieren, mit kurzer Verschlusszeit arbeiten oder blitzen und nötigenfalls die Kamera aufs Stativ setzen.

Aber: Nicht jedes Foto dient Nachrichtenzwecken, nicht jede Aufnahme will dokumentieren. Nicht jede erhebt den Anspruch, «wahr» zu sein. Was ist, wenn das Bild von Fantasiewelten erzählen soll? Wenn es darum geht, Visionen, Stimmungen oder ein künstlerisches Konzept sichtbar zu machen? Braucht es dann noch den messerscharfen fotografischen Realismus? Könnte es sein, dass sich die viel gerühmte Authentizität plötzlich von der unvorteilhaften Seite zeigt, weil sie dem Bild Atmosphäre entzieht und mit ihrer Deutlichkeit dem Betrachter jede Möglichkeit verschliesst, den Inhalt des Bildes mit eigenen Gedanken zu füllen?

Unschärfe fokussiert den Blick

Schärfe «über alles» ist keine Garantie für beste Bildwirkung, genauso wenig wie Unschärfe zwangsläufig zum Misserfolg führt. Viel Schärfe bedeutet viel Realismus, doch dieser passt nicht zu jedem Bild. Die Erfahrung lehrt, dass die Wirkung unzähliger Aufnahmen nicht unter zu wenig, sondern unter zu viel Schärfe leidet. So lösen beispielsweise Porträts mit dem Charme medizinischer Nahaufnahmen, die jede Hautunreinheit zutage fördern, selten Bewunderungsstürme aus.

Zu viel Schärfe macht sich auch dort unangenehm bemerkbar, wo die Bildstimmung vom Detailreichtum förmlich erdrückt wird oder jegliche Lebendigkeit des Motivs in «eingefrorener» Bewegung erstarrt. Gerade weil scharfe Fotos den Augeneindruck am besten wiedergeben, geben sie möglicherweise auch das wieder, was wir schon tausend Mal gesehen haben. So kann die Natürlichkeit einer Aufnahme zu deren grösstem Feind werden.

Unschärfe wird häufig mit fehlerhafter Aufnahmetechnik gleichgesetzt, doch genau besehen ist sie ein erstklassiges Gestaltungsmittel. Als visueller Kontrapunkt zur «wirklichkeitsnahen» Schärfe kann sie zur Trennscheibe werden zwischen bedeutsam und nebensächlich, zwischen nah und fern, lebhaft und ruhig, deja-vu und neu gesehen. Wir brauchen nur mit weit geöffneter Blende zu fotografieren, und schon eröffnet sich uns die Chance, aus einem Minimum an Schärfentiefe ein Maximum an Wirkung herauszuholen. In der Regel tun wir dabei instinktiv das Richtige, indem wir die Kamera auf das fokussieren, was wir für wichtig halten.

Damit überlassen wir alles Nebensächliche einer wattigen Verschwommenheit – und können uns darüber freuen, denn das menschliche Auge neigt dazu, sich immer zuerst am klar Erkennbaren, sprich am scharf Wiedergegebenen zu orientieren. Der Blick des Betrachters wird, vorbei an den unscharfen Motivteilen im Vorder- und Hintergrund, auf direktem Weg dorthin geführt, wo wir ihn haben wollen. Solche Aufnahmen haben nicht nur eine visuelle, sondern auch eine inhaltliche Dramaturgie. Sie machen erkennbar, was der Fotografierende zeigen und aussagen will. Sie geben nicht einfach wieder, sie gewichten. Diese Fähigkeit, mit Schärfe und Unschärfe zu dramatisieren, macht beides zu einem wichtigen Bestandteil der Bildsprache.

Der kreative Umgang mit Unschärfe erschöpft sich aber nicht im Dosieren und Platzieren von Schärfentiefe. Unschärfe kann mehr sein als ein Sachzwang mit glücklichem Ausgang. Wie nur wenige andere gestalterische Mittel ist sie auch ein Symbol für eine Vielzahl unterschiedlicher Inhalte, vor allem, wenn sie in feiner Abstimmung mit ihrem Gegenpol, der Schärfe, eingesetzt wird. Unschärfe steht auch für Bewegung, Aktion, Tempo, Unruhe. Mit ihrem wandelbaren Gesicht hilft sie Ideen und Vorstellungen oft besser beschreiben, als es eine noch so brillante Schärfe zu tun vermöchte.

Viel Risiko, viel Gewinnchancen

So vielfältig die Inhalte, so verschiedenartig sind auch die Wege zu deren Umsetzung. Da die Grenzen des Herkömmlichen durchbrochen werden, gerät das Spiel mit der Unschärfe zum Spiel ohne Regeln. Zumindest theoretisch ist alles möglich, solange das Ergebnis stimmt. Vom Mitziehen der Kamera bis hin zum Wisch- oder Weichzeichnereffekt stehen die unterschiedlichsten analogen und digitalen Techniken zur Verfügung. Dabei zeigt sich je länger, desto mehr die digitale Fotografie als der grosse Gewinner, da einer ihrer grössten Pluspunkte die sofortige Verfügbarkeit des Bildes ist:

Ein Blick auf den Monitor genügt, um beurteilen zu können, ob die Aufnahme gelungen ist oder – eventuell mit veränderten Kameraeinstellungen – wiederholt werden muss. Nicht weniger vorteilhaft zeigt sich beim digitalen Bild die Möglichkeit der nachträglichen Bearbeitung und Optimierung mit Hilfe spezieller Bildbearbeitungsprogramme wie Photoshop, PaintShop Pro und zahlreiche andere. Diese Programme bieten nicht selten eine Fülle von speziellen Tools für die differenzierte softwaremässige Manipulation der Schärfe zu Gunsten einer attraktiveren Bildgestaltung.

Focus Stacking
Der Klassiker: Nur der Stift in der Mitte ist scharf. Zu geringe Schärfentiefe

Selektive Schärfe

Wenn wir einen Menschen beispielsweise im Rahmen einer Fotoreportage an seinem Arbeitsplatz ablichten und dabei das direkte Umfeld für die Bildaussage fast ebenso wichtig ist wie die Person (stellen Sie sich z.B. einen Architekten vor seinem Bauwerk vor), so wird sich eine von vorn bis hinten reichende Rundum-Schärfe als sinnvoll erweisen. Das gilt selbstverständlich auch für alle anderen Fotoobjekte, die bewusst in eine Beziehung zu ihrem Umfeld gestellt werden sollen. Ganz anders verhält es sich bei Aufnahmen von Personen oder irgendwelchen Dingen, die in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit gerückt werden sollen. Hier macht sich eine umfassende Schärfe meist nachteilig bemerkbar:

Wie oft landen gut gemeinte Porträts im Papierkorb, weil durch ein Zuviel an Schärfentiefe dem abgebildeten Menschen Einrichtungsgegenstände, Strassenlampen oder ganze Bäume aus dem Kopf zu wachsen scheinen! Schärfe von vorn bis hinten birgt jedoch nicht nur bei Porträts, sondern generell bei allen Motiven mit Tiefenstaffelung die Gefahr in sich, dass die räumliche Wirkung verloren geht. Und das Bild mit unwichtigen Details überfrachtet wird. Die Folge davon ist, dass es der Aufnahme an visuellen Schwerpunkten fehlt: Das Hauptobjekt löst sich nicht wie erwünscht von seiner Umgebung. Der Betrachter weiss nicht, wohin er blicken soll, sein Auge wird nicht «geführt».

Aus diesem Grund gilt die gezielte Anwendung selektiver Schärfe als eines der wichtigsten Gestaltungsmittel überhaupt. Das Prinzip ist einfach: Das Foto wird so aufgenommen oder anschliessend digital so bearbeitet, dass die bildwichtigen Motivteile optimal scharf wiedergegeben werden, während alles Unwesentliche in mehr oder weniger deutlicher Unschärfe verschwimmt. Auf diese Weise wird es möglich, den Blick durch verschiedene räumliche Ebenen hindurch sicher und schnell zur bildwichtigen Motivpartie zu führen.

Die übliche und zugleich einfachste Technik besteht in der Anwendung geringer Schärfentiefe. Dabei wird auf den bildwichtigen Motivteil fokussiert und mit einer möglichst offenen Blende fotografiert. Da die Schärfentiefe im Bildraum auch bei völligem Aufblenden weich verläuft und das Hauptobjekt deshalb selten wie ausgeschnitten wirkt, liefert diese Methode im Allgemeinen ein harmonisches Ergebnis. Ein nicht zu unterschätzender Nachteil ist hingegen die Schwierigkeit, die tatsächliche Bildwirkung schon bei der Aufnahme zu beurteilen. Immerhin bieten die Abblendtaste (sofern vorhanden) und bei Digitalkameras der Monitor wenigstens annäherungsweise die Möglichkeit, die Schärfentiefenwirkung visuell zu kontrollieren.

Als ebenso einfach erweist sich das digitale partielle «Unscharfen» mit der benutzerfreundlichen Generation neuer Bildbearbeitungssoftware. Wesentlicher Vorteil der digitalen Bildmanipulation ist die Möglichkeit, die Unschärfe im Nachhinein, abseits des Aufnahmestresses, anzubringen. Dabei gilt es allerdings zu berücksichtigen, dass sich die Wirkung der Blende nur zum Teil mit der Wirkung einer virtuell erzeugten Unschärfe vergleichen lässt.

Anders als bei der mittels Blende erzeugten Schärfentiefe, wo die Schärfenabnahme weich und kontinuierlich erfolgt, lässt sich beim softwaremässigen Unschärfen ein relativ abrupter Übergang von scharf zu unscharf kaum vermeiden. Demgegenüber steht der Vorteil, dass während des Bearbeitungsprozesses unerwünschte Ergebnisse immer wieder rückgängig gemacht werden können. Sich Schritt für Schritt an die optimale Bildwirkung heranzuarbeiten, macht auf diese Weise richtig Spaß.

Fast alle anspruchsvollen Bildbearbeitungsprogramme offerieren mehrere unterschiedliche Weichzeichnerfilter, die allerdings qualitativ recht unterschiedliche Resultate liefern. Für hohe Ansprüche ist der «Gauß’sche Weichzeichner» von Photoshop zu empfehlen, der eine Bildpartie schnell um einen einstellbaren Wert weichzeichnet. Dabei werden frequenzarme Details hinzugefügt, was zu einem verschwommenen Effekt führt. Noch präziseres Weichzeichnen erlaubt der «selektive Weichzeichner». Er lässt nicht nur die Wahl der Qualität, sondern u.a. auch eines Schwellenwertes, bei dem angegeben wird, wie verschieden die Pixelwerte sein müssen, damit der Filter darauf anspricht. Dank Schieberegler und Vorschaubild wird die Wirkung der vorgenommenen Einstellung sofort ersichtlich. Ähnliche, möglicherweise anders lautende Weichzeichnungsfilter finden sich auch in Konkurrenzprodukten.

Digitales Unschärfen kann auf unterschiedliche Weise erfolgen. Der gebräuchliche Weg führt über das Markieren der unwichtigen, weichzuzeichnenden Motivteile mit Werkzeugen wie dem (magnetischen oder normalen) Lasso, dem Zauberstab oder Auswahl-Rechteck. Danach braucht nur noch der passende Weichzeichnerfilter gewählt zu werden, und schon ist das Bild nach Wunsch optimiert. In vielen Fällen noch etwas leichter geht es, wenn nicht die bildunwichtige Motivpartie, sondern das meist kleinere Hauptobjekt markiert und danach die Auswahl umgekehrt wird.

Wer über die neueste Version von Photoshop verfügt, kann dieses Verfahren links liegen lassen und mit der Anwendung des Protokollpinsels einen attraktiveren, weil vielseitigeren und feiner abstimmbaren Weg beschreiten: Sobald der ProtokollBrowser über das Fenster-Menü aktiviert ist, kann jeder einzelne Bearbeitungsschritt (z.B. Weichzeichnen oder Nachschärfen) dank der Kamera-Option als Schnappschuss aufgezeichnet werden. Dabei wird zunächst das ganze Bild und nicht nur ein

Teil davon verändert, was die Arbeit ungemein vereinfacht. Durch Anklicken der gespeicherten Schnappschüsse kann nun von einer Bearbeitungsphase zur anderen gesprungen werden; was nicht gefällt, wird einfach wieder gelöscht. Der eigentliche Hit ist jedoch der Protokollpinsel, der durch Anklicken des jeweiligen Schnappschusses dessen Eigenschaften (z.B. nachgeschärft, weichgezeichnet) übernimmt und dann mit dieser Eigenschaft arbeitet. So lässt sich in der ursprünglichen, unbearbeiteten Bildversion durch «Malen» mit dem Pinsel jede gewünschte Motivpartie gezielt und ohne störende Retuschekanten verändern.

Praxistipps

ALLGEMEIN

Treffen Sie eine Entscheidung: Was ist für die Bildaussage wichtig und sollte deswegen scharf abgebildet werden? Weder Schärfe über alles noch selektive Schärfe sollten unüberlegt oder als Selbstzweck eingesetzt werden. Oft liefert schon eine geringfügige Veränderung des Aufnahme-Standortes oder des Auf· nahmewinkels einen besser geeigneten Hintergrund (bei Aussenaufnahmen z.B. neutraler Himmel).

Je kleiner die Schärfentiefe ist, desto wichtiger wird genaues Fokussieren. Stellen Sie auf den absolut wichtigsten Bildteil scharf (bei Porträts in der Regel die Augen).
Bei Automatikbetrieb Zeitautomatik (A) wählen und geeignete grosse Blende vorwählen.
Alternativ auf manuelle Belichtungskontrolle umstellen.

Mit der Abblendtaste (sofern verfügbar) kann die Blende zur vorgängigen Kontrolle der Schärfentiefenwirkung auf den voreingestellten Wert geschlossen werden. Bei Digitalkameras zeigt der LCD-Monitor automatisch die Wirkung der eingestellten Parameter.

DIGITAL

Verändern Sie nie das Bildoriginal, sondern immer ein Duplikat, so dass Sie jederzeit auf ein unverändertes Original zurückgreifen können. Speichern Sie die Zwischenschritte ohne Komprimierung ab. Achten Sie auf ein möglichst genaues Markieren der Auswahl und aufweiche Auswahlkanten, um unschöne Retuschekanten zu vermeiden. Dazu Bild vergrössern. Zwischenstufen immer wieder abspeichern.

Wählen Sie den Grad an Unschärfe mit Bedacht. Je grösser die Unschärfe ist, desto mehr Details verdeckt sie, desto prominenter tritt das Hauptobjekt ins Bewusstsein, desto unwirklicher kann aber die Situation scheinen.
Sollen gleichzeitig mehrere Bildstellen ausgewählt und manipuliert werden, so lässt sich dies über den Maskiermodus tun. Dazu in der Werkzeugpalette das Maskierwerkzeug aufrufen, die zu schützende Fläche «ausmalen» und danach zum Normalmodus zurückkehren.

Bewegungsunschärfe

Wie viel Schärfe verträgt die Aufnahme eines bewegten Motivs? Die Antwort ist nicht einfach und lässt sich nur finden, wenn wir uns sowohl mit dem Fotomotiv wie auch mit der angestrebten Bildaussage auseinander setzen. Wenn wir an das gestochen scharfe Foto eines ins Wasser springenden Schwimmers denken, dann ist klar: Die hochspritzenden, wie gefroren wirkenden Tropfen machen das Bild zum Seherlebnis. Ähnliches gilt auch für viele andere Aufnahmen aus der Sport- und Actionfotografie. Wie etwa für den in der Höhe zu verharren scheinenden Stabhochspringer oder den Torhüter bei der spektakulären Abwehr des Elfmeters.

Durch das Einfrieren von Bewegung verliert das Objekt zwar sein Aktionstempo, doch wird dieser Verlust durch eine für unser Auge ungewohnte und ungewöhnliche Sichtweise wettgemacht. Es wäre jedoch falsch, daraus die Regel abzuleiten, maximale Bewegungsschärfe führe automatisch zur bestmöglichen Wirkung. Denn für den Erfolg eines scharfen Bewegungsbildes sind auch andere, vor allem formale Faktoren verantwortlich. Der Augenblick des Auslösens, die Art, wie sich das Objekt bewegt – das alles spielt eine massgebliche Rolle. Ein Mensch kann noch so schnell laufen und noch so hoch springen, wenn ihn die Kamera im falschen Moment festhält oder der Bewegungsablauf nicht fotogen ist, wird das Ergebnis unbefriedigend werden.

Auto in Bewegung
Bewegungsunschärfe

Das Gefühl von Bewegung und Tempo lässt sich oft besser über die Illusion erzeugen: Wird Bewegung in Form von Unschärfe sichtbar gemacht, so ist das Objekt zwar nicht mehr vollständig erkennbar, doch erzeugen die Wischspuren den Eindruck von Aktion und Tempo – ein Effekt, der sich mit länger werdender Wischspur verstärkt. Ein fast schon klassisches Beispiel dafür ist das Foto eines fahrenden Autos: Wird es gestochen scharf abgebildet, so ist nicht zu erkennen, ob es und gegebenenfalls wie schnell es fährt. Wie Schärfentiefe, so ist auch Bewegungsunschärfe ein Gestaltungsmittel erster Güte, wobei es eine wesentliche Rolle spielt, ob die Unschärfe auf dem sich bewegenden Objekt liegt oder das Objekt scharf abgebildet ist und lediglich der Hintergrund verwischt dargestellt wird.

Im ersten Fall wird das Objekt mit steigendem Verwischungsgrad immer undeutlicher, bis schliesslich die Verwischung so gross ist, dass sie nicht mehr als Bewegungssymbol empfunden wird, sondern schlicht als Fehler. Um das zu vermeiden, wird deshalb häufig ein zusätzlicher Blitz eingesetzt, dessen kurze Leuchtdauer über das verwischte Objekt ein klares, scharf konturiertes Abbild legt.

Im zweiten Fall wird das Objekt mehr oder weniger scharf abgebildet, während sich der Hintergrund in Wischspuren auflöst. Möglich wird dies durch das so genannte Mitziehen. Dabei wird die Kamera während des Belichtungsvorganges (der lange genug sein muss) in die Bewegungsrichtung des Objekts mitgezogen – und zwar so, dass sich das Objekt im Sucher möglichst immer an derselben Stelle befindet. Dabei wird das Objekt zwar selten hundertprozentig scharf abgebildet, doch reicht die Schärfe normalerweise aus, um vom Betrachter noch akzeptiert zu werden.

Wie sehr die Art der Bewegungsunschärfe sich auf die Bildaussage auswirkt, aber auch von der Anforderung an die Deutlichkeit der Wiedergabe bestimmt werden kann, sollen zwei Beispiele erhellen: Nehmen wir an, wir fotografieren zu Werbezwecken eine sportliche Limousine. In diesem Fall werden wir kaum ums Mitziehen herumkommen, da wir damit einerseits Tempo suggerieren können und andererseits das Äussere des Autos immer noch akzeptabel deutlich zu «lesen» ist.

Ganz anders, wenn die Aufgabe lautet, mit der Aufnahme Kinder vor den Risiken im Strassenverkehr zu warnen. Ist hier nebst dem Kind am Strassenrand auch noch ein verwischtes Auto im Hintergrund zu sehen, so wird die vom fahrenden Auto ausgehende Gefahr wesentlich augenfälliger, als wenn das Auto gestochen scharf abgebildet würde und aussähe, als sei es parkiert.

Sollte eine digitale Aufnahme allen Bemühungen zum Trotz zu bewegungsscharf ausfallen oder dachten Sie beim Fotografieren noch gar nicht an die Möglichkeit, das Bild mit Wischeffekten tempogeladener wirken zu lassen, so können Sie das später in Ruhe nachholen. Die meisten guten Bildbearbeitungsprogramme bieten Filteroptionen an, mit denen sich Bewegungsunschärfe in verschiedener Form erzeugen lassen. Während Störfilter wie z.B. « Windeffekt» oder « Verwacklung» eher Einzelfällen vorbehalten sind und nur sparsam eingesetzt werden sollten, kann die Weichzeichnerfilter-Option «Bewegungsunschärfe» perfekt Bewegung vortäuschen. So genügen beispielsweise ein paar Mausklicks, um ein stehendes Fahrzeug scheinbar zum Fahren zu bringen.

Das Vorgehen ist prinzipiell gleich wie beim partiellen Unschärfen (Auswahl markieren, Filter aktivieren), nur dass nicht eine normale Weichzeichnung erfolgt, sondern eine Verwischung, deren Stärke und Bewegungswinkel menügesteuert an das Motiv angepasst werden kann.

Weichzeichnung

Weichzeichnung ist in der Fotografie eines der ältesten und zugleich wirksamsten Stilmittel, um ein Übermass an Realismus zum Verschwinden zu bringen und Fotos visuell «geschmeidiger» zu machen. Durch die Überdeckung von Bilddetails, Strukturen und Formen mit gezielter Unschärfe führt Weichzeichnung zu einer sanften, idealisierenden und romantisierenden Wirkung, weshalb sie heute fast nur noch bei Porträt- und Aktfotos eingesetzt wird, wo sie Hautunreinheiten und andere kleine physiognomische Unregelmässigkeiten gnädig übertüncht. Denkbar ist allerdings auch der Einsatz von Weichzeichnern bei Landschaften, die ohnehin schon eine weiche Lichtstimmung aufweisen – zum Beispiel bei starkem Nebel.

Weichzeichnende Effekte lassen sich sowohl während der Aufnahme wie auch – auf digitalem Weg mittels Bildbearbeitungsprogramm – danach erzeugen. Dabei spielen die guten alten Weichzeichnerfilter in der herkömmlichen Fotografie auch heute noch die wahrscheinlich wichtigste Rolle. Erhältlich mit verschiedenen Weichzeichnungs- Faktoren lassen sie sich relativ gut an die jeweiligen Gestaltungsabsichten anpassen.

Wer keinen Weichzeichnerfilter zur Hand hat, kann sich aber auch mit einem einfachen und obendrein kostengünstigen Mittel behelfen: Anstelle des Glasfilters spannt er vor das Objektiv einen schwarzen Nylonstrumpf oder eine feine Gaze. Noch einfacher gehts mit dem Anhauchen der Objektivfrontlinse. Da das Beschlagen der Linse nicht lange anhält, erfordert dieser alte Trick ein rasches Handeln; zudem ist eine zuverlässige Kontrolle der Weichzeichnung kaum möglich.

Die eleganteste Art der Weichzeichnung lässt sich mit Photoshop & Co. verwirklichen. Wer es schnell mag, kann dazu entweder den normalen oder starken Weichzeichnungsfilter aktivieren. Ein Mausklick genügt, und schon zeigt sich das Bild gesoftet. Für genaueres und nuancierteres Arbeiten empfiehlt sich allerdings die Option «selektive Weichzeichnung» oder der «Gauss’sche Weichzeichner», bei denen zum Teil mehrere Parameter verändert und die Wirkung damit optimal an das Bild angepasst werden können. Wie bei allen digitalen Manipulationstechniken gilt auch hier: Probieren geht über studieren.

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Stephan Bockler
Redakteur in Nebentätigkeit bei Webdigital und immer interessiert an neuen Kameras und Fototechnik.